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Anthropologie einer Träumerin I

Heute ist der kürzeste Tag und die längste Nacht. Wintersonnenwende. Es geht nicht nur bald ein Jahr zu Ende, sondern auch ein Jahrzehnt. Ich nehme mir die nächsten Tage Zeit, alles Revue passieren zu lassen, denn manchmal vergisst man, wie sehr und wie stark sich die Dinge verändert haben. Ganz besonders ich selbst und darüber bin ich sehr dankbar. Wenn ich zum Anfang der 10er Jahre zurückblicke, sehe sich eine Zeit der völligen Veränderung. Mein Leben hat sich mehrmals gedreht, fast so, als ob ich aus einem langen Schlaf erwacht worden wäre. Ich denke, man weiß als Kind sehr genau, wer man ist und wohin man gehen möchte. Zwar ist dieses Wissen noch unreif und ungeschliffen, aber den Kern trägt man ganz tief in seinem Innerem. Die Erziehung, Pupertät oder extrinsische Erwartungen leiten uns manchmal in eine andere Richtung – manchmal findet man zurück oder entwickelt sich weiter oder ab und zu eben nicht. Das ist auch okay, das weiß ich jetzt. Das ist Leben. Und verdammt, ich bin SO froh, dass ich am Leben bin und diese Erfahrungen machen darf. Egal, ob die guten oder schlechten.

Mit 20 Jahren begann ich zu reisen (und zwar auch alleine) und erkämpfte mir endlich meine Unabhängigkeit, indem ich aus dem Elternhaus auszog. Jetzt, neun Jahre später, wohne ich alleine und habe mein erstes Buch veröffentlicht (darüber schreibe ich in meinem nächsten Post). Ich habe mir einen Lebenstraum erfüllt und das noch vor meinem 30. Geburtstag, im alten Jahrzehnt. Im nächsten Schritt möchte ich noch mehr tun, mehr zeigen und mich weniger verstecken. Das ist meine Herausforderung für die 20er. It’s gonna be a hell of a ride. Und mit dieser Anthropologie fange ich an. Ich freu mich darauf. 2020, du kannst kommen!

Manchmal wenn ich nachts aufwache und das warme Licht der Straßenlaterne mit dem kühlen Mondlicht an sternenklaren Nächten konkurriert, der Raum einen düsteren Schein wahrt, rast mein Herz und ich weiß nicht, wo ich mich befinde. 

Ich saß in einem Konzertsaal und lauschte dem Orchester, das die ersten Akkorde der vierten Symphonie Beethovens anstimmte. Ich saß in der Mitte von Menschen und hatte Gänsehaut. Die Szene wäre nicht sonderbar in Anbetracht dessen, dass man in Wien schnell ein klassisches Konzert hören und sich dabei wie in die Zeit zurückversetzt fühlen kann. Doch es war seltsam, weil auch die Menschen alte Kleider trugen, lange vergessen und nicht mehr praktikabel genug für das Leben in der Moderne. Nein. Ich war dort, ich war dort in der Zeit als man zu seinen Lebzeiten auch seine Musik spielte wie „Tiny Dancer“ von Elton John heute im Radio läuft. Ich war dort und mein Nacken kribbelte.

In einer anderen Nacht hielt er mich in den Armen und wir tanzten zu langsamer Musik. Ich weiß nicht, wer „er“ war, aber er drückte meine Taille immer ein Stückchen näher als die Sitte es erlaubte. Ich spürte seinen Atem am Hals und ich versuchte ihn ein kleines bisschen in seine Richtung zu strecken, in der Hoffnung wir würden uns bei der nächsten abrupten Bewegung zufällig berühren. Mein linker Arm ruhte sachte auf seiner Schulter und meine andere Hand hielt er ganz fest in seiner. In uns herrschte absolute Ruhe. Eine gelassene Zufriedenheit, die wir spürte in einem für uns perfekten Moment. Wir und die Musik. Meine in seiner Hand. Ich lächelte.

Nach dem Erwachen spürte ich eine Sehnsucht; kein lustvolles Verlangen, sondern ein stilles Flehen, das nicht den Puls hochtreibt und Wangen erglühen lässt, sondern alles im Inneren verkrampft. Wie, wenn Luft zum Atmen ausbleibt oder das Ziehen eines unsichtbaren Fadens am Herz, hin zu einem Weg, der mir verschlossen bleibt. Es ist ein innerer Schmerz, der unterm Mikroskop nicht zu sehen ist, aber an jeder einzelnen Zellinnenwand festsitzt. 

Ab und an spazierte ich durch Wälder auf nicht entdeckten Pfaden. Die Sonne schien und stahl sich ungeniert durch die Blätter zu moosbewachsenen Baumstämmen und zu vom Unterholz überdeckten Waldboden. Ich trug einen Kapuzenumhang und schritt ziellos umher. Suchte ich etwas? Wo wollte ich hin? Ich weiß es nicht … 

Diese Bilder sehe ich nicht nur in meinen Träumen. Sie tauchen auf, wenn ich durch die Stadt spaziere und einen ganz speziellen Song höre. Wenn eine Person ein bestimmtes Wort fallen lässt oder wenn ich einfach zu Tisch sitze und einer Melodie lausche. 

Wenn ich nachts wachliege, frage ich mich, ob es Träume sind. Niemand braucht Träumer, sagten sie einst. Wie kann all das in meinem Kopf entstehen ohne Inspiration oder etwas Ähnliches erlebt zu haben? Ich stelle mir gerne vor, dass wir uns im Stadium eines Traumes manchmal in einer Erinnerung befinden können. Eine Erinnerung an … früher? Später? Irgendwann anders? Zeit ist relativ. Sie verläuft auch nicht linear. Ich finde diese Vorstellung entzückend. Sie könnte mich vielleicht zu einer Geschichte inspirieren.