Anthropologie einer Träumerin III
Letztens fuhr ich von der Arbeit mit dem Bus nach Hause. Ich war müde und wollte so wenig wie möglich umsteigen. In letzter Zeit bin ich oft sehr erschöpft und antriebslos und das hat nicht zwangsweise mit reduzierten Schlafstunden zu tun. Es ist Dienstag, der 27. April 2021 – ich muss wohl kaum erwähnen, warum ich, er, sie, es, wir, ihr, sie müde ist/sind.
Mir war es tatsächlich gelungen, während der Fahrt einzuschlafen. Die längste Busstrecke in Wien ist dafür sehr gut geeignet, um seine angestrengten Augen auszuruhen und rechtzeitig vor der Endstation in Liesing aufzuwachen und auszusteigen. Im Moment kämpfe ich mit meinem Gemütszustand. Ungefähr so wie der Frühling mit dem Wetter kämpft und auch nicht so ganz in die Gänge kommen will. Nach einem endlos scheinenden Winter stand ich letztens bei einer Kreuzung am gefühlt ersten warmen Wochenendtag und empfand absolut nichts beim Anblick des strahlend blauen Himmels. An jenem Tag machte es mich sehr traurig, dass ich mich an den kleinen Dingen nicht erfreuen konnte. Für gewöhnlich fällt mir das leicht. Die Menschen, die mich kennen, wissen vielleicht wie einfach ich zu begeistern bin, gefolgt von unbändiger Euphorie. Wenn mir diese Fähigkeit abhandenkommt, mache ich mir einfach Sorgen. Ich sehe es als eine Lebensaufgabe, an den kleinen Dingen große Freude zu haben.
Ich saß also im Bus, wachte in der letzten Kurve vor der Endstation in Liesing am Bahnhof auf und blickte hoch zur trüben Wolkendecke. Wir passierten ein Haus aus der Jahrhundertwende und ich sah am Dach eine Kuppel und dahinter kämpfte sich ein Fleckchen tiefblauer Himmel durch das unsägliche Grau der Wolken.
Vielleicht geht es auch nicht um große Freuden.
Mein Nacken schmerzte leicht vom unkontrollierten Headbangen im Schlaf während der Fahrt, aber irgendwie war es sich auch gelöst und entspannt. Ich fühlte mich wohl und mein iPod spielte die Titelmelodie von „Stolz und Vorurteil“, jener Verfilmung aus 2005, der Soundtrack komponiert von Dario Marianelli. Hat jemand schon einmal diese Musik gehört? Der Titel „Dawn“ hört sich tatsächlich wie Morgengrauen an. Nicht wie Peer Gynts „Morgenstimmung“ – so lieblich und friedlich, als würde man unter der Steppdecke aus dem Bett steigen und den Morgen tänzelnd begrüßen, mit Sicherheit wissend, dass an diesem Tag nichts Unvorhergesehenes passieren würde.
„Dawn“ ist wie die Sonne am Morgen nach einer heftigen Gewitternacht. Das tiefe Ausatmen im Bett, wenn sich das Bewusstsein nach der Tiefschlafphase zum ersten Mal meldet und man beginnt, die Umgebung wahrzunehmen. Die Sonne scheint ins Zimmer, das Fenster ist gekippt, der/die erste Jogger/in läuft draußen auf der Straße vorbei, in der Ferne hört man das Brummen einer Lüftung. Noch ist es zu früh. Man hält inne und lauscht lieber der Stille im Raum. Draußen hängt der Nebel noch zwischen Wäldern und Hügeln, gefolgt von den ersten Sonnenstrahlen, die die Schwaden fortzuscheuchen versuchen. So stelle ich mir auch das Auenland am Morgen vor … Gut ich schweife ab, ich sitze ja immer noch im Bus.
Vielleicht geht es auch nicht um große Freuden. Vielleicht müssen wir auch nicht vor Glück zerspringen oder in Liebe ertrinken, um mit unserem Leben zufrieden zu sein oder um den schwierigen Zeiten zu entfliehen. Zumindest nicht immer. Ich glaube nicht, dass dieser Zustand für ewig hält ohne auszubrennen.
Ich sah im Bus den blauen Himmel und ein schönes Haus. Ich schmunzelte in meine Maske, für niemanden sichtbar außer diesem Stoff, der uns seit einem Jahr begleitet. Und es war gut. Das war ausreichend. Ein kurzes Schmunzeln.
Ich erhob mich und stieg aus dem Bus aus, schlenderte an Blumen, einer Bäckerei und an einem Postamt vorbei und betrat das Bahnhofsgebäude, hin zum nächsten Gleis. Mein iPod sprang in diesem Augenblick zum nächsten Song über: „To the Stars“ von Max Richter (Anm. der Autorin: Soundtrack zum Film „Ad Astra“, das einzig Gute an dem Film). Plötzlich begriff ich etwas und es funktionierte sogar als Analogie zum Kosmos.
Im Weltraum gibt es verschiedene Arten von Sternen. Eine wichtige Rolle, und damit wie es um sie und mögliche umkreisende Planeten bestellt ist, spielt die Masse. Ein massenreicher Stern ist sehr heiß und leuchtet hell mit bläulichem Schimmer. Er verbraucht wesentlich schneller den Wasserstoff, den er für die Kernfusion und damit sein Fortbestehen benötigt, als ein Roter Riese, der mit geringerer Temperatur und Masse tausendmale länger auskommt.
Ich weiß, viele Menschen streben (bewusst, unbewusst oder ausschließlich) nach den großen Gefühlen; Freude, Ekstase, Wut, Hass, Liebe, Glück. Sie sind idealisiert und werden als hohes Gut angesehen. Anderen wiederum interessiert es gar nicht, sehen nicht einmal den Sinn dahinter und empfinden große Zufriedenheit in ihrem Heim mit viel Schlaf und gutem Essen. Das ist okay. Andere wiederum mögen eine Mischung von Allem.
Sie alle sitzen im Bus, steigen aus und wieder ein, beobachten ihre Umwelt durchs Fenster, schauen auf ihre Bildschirme oder schlafen. Einige legen nie einen Zwischenstopp ein und steigen erst aus, bis die Endstation erreicht ist. Vielleicht bleiben sie dort und sehen sich um oder suchen den nächsten Gleis.
Heute wollte ich so wenig wie möglich umsteigen. Ich wollte im Bus sitzen und einfach ausruhen, meine Augen schließen. Bekommen habe ich ein Schmunzeln und die Idee, auf Sparflamme zu laufen nicht immer etwas Schlechtes ist. Denn solche Momente haben eine längere Lebensdauer.
P.S.: Zum Thema „Endstation“ oder „Umsteigen“ gibt es auch einen tollen Song: „Sixth Station“ von Joe Hisaishi. Reinhören, unbedingt. Lohnt sich! Du findest auch die beiden letzten genannten Songs in unsere Playlist in unserer Jukebox. Schaut vorbei 🙂
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