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Nichts geschieht am Diamond Beach

Teil 1

Hallo, Reisende! Cheers, Reisender! Glückwunsch, du hast es auf die Eadar Islands geschafft. Als Bewohner dieser bescheidenen Inselgruppe, weiß ich, dass deine Anreise lang und beschwerlich war. Welche Reiseroute hast du gewählt? Bist du mit dem Auto von Edinburgh bis zur nördlichsten Spitze nach Thurso gefahren und hast dann die direkte Fährverbindung genommen? Oder hat dich dein Weg über die Äußeren Hebriden hierher geführt? Manche Touristen machen sich gern den Spaß und buchen eine ganze Rundfahrt! Orkney, Shetlands, Färöer, Eadar und als Abschluss die Hebriden. Für mich wäre das nichts. Ich habe den lieben langen Tag nur Wasser vor meiner Nase, da sehne ich mich in meinem Urlaub nach mehr Abwechslung. Wie auch immer…  Egal, wo du schon gewesen bist, die Eadar Inseln unterscheiden sich wesentlich von den anderen. Womöglich ist es dir bereits aufgefallen: Du befindest dich im Zentrum all jener genannten Inselgruppen. Mit Ausnahme der Orkneys sind alle Archipele gleich weit von den Eadar Islands entfernt. Somit ist unser Hafen auch verhältnismäßig groß, da viele Versorgungsschiffe bei uns anhalten. Hier im Norden gibt es nicht viel (außer Viehzucht), das uns selbst ernähren kann, deswegen sind wir alle aufeinander und auf das Festland angewiesen. Klingt nicht sonderlich reizvoll, aber man lernt geduldig und sparsam zu sein. 

Was die Eadar Islands allerdings so besonders macht, ist die schroffe Landschaft gezeichnet von Hügeln und Klippen, gefolgt von verträumten, weißen Sandstränden, die ein wenig an die Karibik auf Postkarten erinnern (bloß, dass du hier nur Strandhafer und Dünengräser statt Palmen und Tropenpflanzen findest). In den Dörfern und “Städten” verzaubern kleine Steinhäuschen und urige Pubs, deren Wände unter anderem mit Fotos von der schottischen oder der irischen Fußballnationalmannschaft zugepflastert sind (das nehmen wir hier nicht so genau, zum großen Entsetzen beider genannten Nationen), weil die Eadaren nicht einmal eine eigene Liga haben. Bei Schönwetter sind alle in Badelaune und drängen sich zu den Stränden, unternehmen Wandertouren um die Inseln oder zu Klippen, wo man Wetten abschließt, wer als erstes irgendeine andere Inselgruppe erkennen kann. Ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt ist. Aber diese Erfahrung muss auch jeder und jede machen. Wenn du an Mythologie und Geschichte interessiert bist, können wir mit einem kleinen Freilichtmuseum und einem Steinkreis auf der nördlichsten Inselspitze aufwarten … 

Was? Die gewöhnlichen Sehenswürdigkeiten interessieren dich nicht? Du hättest all das schon auf den anderen Inseln gesehen? Okay! … Okay, gut. Dann bist du wohl jemand von der anspruchsvollen Sorte. Du hast Glück, dass du mir begegnet bist, denn ich habe viel Zeit und ich rede sehr gerne. Du machst auf mich einen sehr verschwiegenen Eindruck – wie gut kannst du Geheimnisse für dich behalten?

Hast du schon einmal etwas vom “Diamond Beach” gehört? Nein? Gut! Das ist wirklich nicht verwunderlich, also hör’ aufmerksam zu! Du musst verstehen, dass es kein klassisches Tischgespräch ist, das man offen und euphorisch unter Freunden oder mit der Familie diskutiert. Vom Diamond Beach spricht man nur mit vorgehaltener Hand, wenn mal wieder jemand verschwunden und nach kurzer Zeit wieder aufgetaucht ist. Ja, es verschwinden Menschen … Ab und an. Manchmal tauchen sogar neue Leute auf, die keiner zuvor gesehen hat. Dann sind sie einfach da. Aber keine Sorge: wenn du die Regeln befolgst, kann dir nichts passieren. Halte dich an mich! Warum erzähle ich dir davon? Weil dieser mysteriöse Strand zum geheimen Kulturgut der Eadaren gehört, von dem niemand spricht und keiner weiß, ob es ihn wirklich gibt. Der Strand existiert natürlich in physischer Form, aber die Geschichten und Mythen, die sich um ihn ranken… Sie sind zu abgedreht, um wahr zu sein, aber detailliert genug, um den Leuten einen Schauer über den Rücken zu jagen. Der Diamond Beach ist die einzige (niemals gewollte) Urban Legend, die dieses Inselkaff zu bieten hat und ironischerweise ist sie noch richtig gut. Wie das Bermudadreieck in der Karibik, bloß, dass hier Leute auftauchen und nicht für immer verschwinden. Niemand kann sagen, was zwischen Strand und Brandung wirklich geschieht; nur wenige haben etwas gesehen und kaum einer kennt den richtigen Zeitpunkt, wann es losgeht. Soviel konnte ich schon in Erfahrung bringen: Zeit spielt durchaus eine wesentliche Rolle. Auch wenn sich etwas nie am selben Tag oder zur selben Uhrzeit tut. Etwas wirklich Seltsames ist dort am Werk und es ist zurecht besorgniserregend. Sagt man. Vielleicht ist es auch besser, stets zu spät und am falschen Ort zu sein. Womöglich ersparen wir uns viel Ärger oder Scham, wenn wir die Wahrheit nie erfahren. Wir durchleben unseren Alltag, erfreuen uns an der Gesellschaft wissbegieriger und enthusiastischer Touristen, die einigen von uns den Lebensunterhalt finanzieren, und legen uns seelenruhig ins Bett bis der Wecker den nächsten Tag ankündigt. Oder auch nicht. Ich bin ein maßlos törichter Mensch, der sich gerne von seiner Neugier austricksen lässt, daher rate ich dir: Sei unvernünftig und schließe dich mir an. Es ist aufregend! Woher ich das weiß? Weil ich schon dort gewesen bin.

Okay, das ist ein wenig gelogen. Ich war zwar dort – so wie jeder schon dort gewesen ist – habe aber nichts Auffälliges entdeckt. Jedoch kenne ich jemanden, der mit großer Wahrscheinlichkeit etwas dort am Diamond Beach sieht. Ich bin dieser Person vor einiger Zeit gefolgt und habe von einem sicheren Ort aus beobachtet. Also, ich habe zugesehen, während sie etwas gesehen hat. Das zählt. Das ist mehr als andere von sich behaupten können! Gut, das klingt auch sehr schräg und gehört sich nicht, aber ich kann versichern, dass ich niemandem etwas Böses will! 

Bei dieser Person handelt es sich um eine Frau, die besessen genug ist, den richtigen Augenblick zu finden. Und offenbar gelingt es ihr auch jedes Mal, als besäße sie einen Fahrplan oder so. Es würde mich nicht wundern, wenn sie den hätte, immerhin ist sie die Hafenmeisterin und kontrolliert, wer kommt und geht. Dann sitzt sie im Gras, auf ihrem Schoß liegt ein Buch und während ihr Blick immer wieder zum Strand schweift, macht sie Notizen. Sie weiß etwas. Sie kennt vermutlich als einzige Person das Geheimnis und spricht mit niemandem darüber. Ich spüre es in meinem kleinen Zeh! Leider mangelt es mir noch an Beweisen. Doch ich gebe nicht auf.

Klingt das nach einer interessanten Geschichte für dich und weißt so etwas zu schätzen? Dann wird es sich für dich lohnen, mein Freund. Ganz bestimmt. 

Du darfst mir folgen.

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