Anthropologie einer Träumerin II
„Ham-sa.“ Sanskrit word for „I am that“ (or swan, goose, etc).
Zwei Silben, die schnell zu einem Ohrwurm mutieren. Ein Wort, das Raum einnimmt und mich umhüllt wie eine kuschlige Wolldecke.
Dieses Mantra, das gerne für Mediationen eingesetzt wird und für das Aus- und Einatmen steht, habe ich aus dem Buch „Eat, Pray, Love“ von Elizabeth Gilbert. Ich lese das Buch zum zweiten Mal und da das erste Mal sechs Jahre und damit ein anderer Lebensabschnitt zurückliegt, nehme ich wieder neu und aufregende Erkenntnisse mit. Ich habe meine Ausgabe aus einer Secondhand Buchhandlung in LA erworben, als ich mit einer Freundin 2014 beschloss, spontan für eine Woche in die kalifornische Metropole zu fliegen. Ja, das war nicht unbedingt umweltbewusst, aber damals wusste ich es noch nicht besser. Insofern war es aber ein wichtiger Trip für mich, weil es der von Wien am entferntesten Ort war, in dem ich je gewesen bin. Ich stand mit meinen Füßen im Pazifik! Es war ein unglaubliches Erlebnis. Und nachdem 2020 definitiv nicht das Jahr der Fernreisen ist, bekam ich etwas Fernweh und begab mich imaginär in Begleitung mit der Autorin auf die Reise nach Italien, Indien und Indonesien.
Ich werde in nur wenigen Tagen 30 Jahre alt und obwohl ich mich schon einige Zeit darauf freue (ich begann sogar ein Jahr davor mit der Planung einer einzigartigen Geburtstagswoche), fühle ich mich jetzt verloren. Vielleicht ist es der Klassiker. „Ich werde 30. Was habe ich bereits erreicht?“ Es ist ohne Zweifel eine Zeit, in der man nach zehn Jahren zum ersten Mal alles Erreichte in Frage stellt. Wobei ich ehrlich gesagt immer alles in Frage stelle… Naja. Ich wäge Dinge gerne immer wieder mal ab, wohin die Reise wohl gehen mag und ob ich damit zufrieden bin. Ich fürchte mich nicht vor dem Altwerden. Das ist es einfach nicht. Und trotzdem grüble ich… Ich habe schon vieles verwirklicht. Ein Buch, Malunterricht, Freunde, eigene Wohnung, Reisen. Dennoch beschleicht mich das Gefühl, das ich etwas Wichtiges ausgelassen habe: Mich.
Vor sieben Jahren habe ich den Wunsch, mich selbst besser kennenzulernen und dieses Wissen auch zu leben, dem Wind und den Wellen in Dover auf den Weißen Klippen anvertraut. Genau an diesem Tag in England begann meine Reise.
Ich habe Wunden geleckt, sie endlich heilen lassen und viele verschiedene Schätze zusammengetragen. Diese Schätze sammle ich in meinem Herzen und in meiner Seele, glücklich darüber, sie endlich (wieder-) gefunden zu haben. Für all das bin ich unendlich dankbar und bis zu einem gewissen Grad auch sehr stolz. Trotzdem fehlt etwas. Ich verstecke meine Funde. Ich horte sie in einem Kämmerchen und lasse kaum jemanden einen Blick in die Räume der Kuriositäten werfen. Ein volles Museum ohne Zuschauer (Damn, diese Analogie gefällt mir gut!).
Meine Kreativität ist womöglich eines meiner wertvollsten Schätze und ich halte sie im Verborgenen. Nahezu immer. In nur kleinen Dosen gebe ich sie einer kleinen Auswahl an Menschen meines Vertrauens zu Gesicht. Aber ich spüre, dass das nicht genug ist. Die letzten Jahre habe ich gut damit leben können, Beides zu sein: Die eine Hälfte, die still in ihrem Zimmer sitzt und schafft und der andere Teil, der im Büro sitzt, Erwartungen erfüllt und Rechnungen bezahlt. Entschieden aus dem Bedürfnis heraus, unabhängig zu sein. Ich hatte die Möglichkeit, eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen. Doch ich war zu unsicher, nicht von mir überzeugt und es gab noch etwas, das ich mehr wollte als mich auszudrücken: Unabhängigkeit. Im Alter von 21 Jahren wollte ich ausziehen und mein eigenes Geld verdienen. Ich musste mich entnabeln, weil ich immer das Gefühl hatte, ich gehöre woanders hin (obwohl ich ja nicht einmal wusste, was „woanders“ sein sollte und ich auch heute der Antwort nur ein wenig annäherte). Ein völlig normaler Prozess, der bei mir viel später einsetzte als bei anderen in meinem Umfeld. Aus diesem Grund lehnte ich ein grafisches Studium ab und machte eine Lehre. Ich kehrte der Kunst den Rücken zu. Nein, nicht ganz. Ich mochte das Schreiben auch immer gern. Denn auch mit Worten kann man Bilder erzeugen und wenn man Geschichten liebt, war dies auch ein Ausdrucksmittel, das ich neben meinem Beruf leichter ausüben konnte.
Eine enge Freundin sagte einmal: „Ein Künstler will doch sein Inneres nach außen tragen. Das ist ein tiefes Bedürfnis, er kann gar nicht anders.“ Diesen Drang spürte ich so lange nicht. Wir alle erleben ihn als Kinder, wenn wir spielen, malen, uns unterhalten und einfach die Welt entdecken. Wir drücken uns aus und hinterfragen nichts. Später, wenn das Leben seinen Lauf genommen hat, ändert sich das oft. Ich habe diesen inneren Wunsch nach Ausdruck sehr früh verloren und wollte das Gegenteil: ihn verstecken. Als Tor zu meinem Inneren hielt ich diese Tür fest verschlossen. Ich wollte mich nicht verletzlich zeigen. In der Schule versteckte ich meine Zeichnungen. Wenn ich zuhause merkte, dass sich jemand meinem Zimmer näherte, vergrub ich meine Zeichnungen, sodass niemand etwas davon mitbekommen würde. Dass ich mir andere Welten ausdachte, mich in ihnen versteckte, weil ich das Leben schon in sehr jungen Jahren als langweilig empfand. Ich hatte Angst davor, man würde es nicht verstehen. Ich bin eine Träumerin – was könnte das schon jemand anderes bringen? Schule, Arbeit, Haus, Kinder, Pension. Mit 12 Jahren fragte ich mich, ob das alles sein sollte? Ich sehnte mich nach Abenteuer und fand sie zum Glück später, im Alter von 20 Jahren auf meiner ersten Solo-Reise in Irland. Ich begriff, dass man sich eigene Abenteuer schaffen konnte. Nochmal zehn Jahre später sitze ich allein in einem Café in Wien, genieße ein herrliches Frühstück und weiß, dass ich nicht mehr länger Angst haben darf. Und wenn doch, dann muss ich es eben trotzdem tun! Ich will mich nicht mehr mit zwei unterschiedlichen Hälften, oder anders gesagt mit 50%, zufriedengeben. Ich kann nicht mehr anders.
Nachdem mir der Vergleich „mein Innerstes ist ein Museum“ so dermaßen gut gefällt, führe ich ihn fort. Für eine Ausstellung steht alles bereit. Ich muss bloß die Tore öffnen und Besucher hineinlassen.
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